Welch ein Geschenk des Himmels! Barrieren und Grenzen sind überwunden, nicht mehr existent. Für heute. Der Weg ist frei zu meinen Lieblingsplätzen. Bevor ich mich auf den Weg mache treffe ich liebe Nachbarn. Ich sehe ihre Mimik, ihr Lachen… und das befreit, lädt ein zu einem kleinen Plausch, einem Gedankenaustausch mit offenen Gesichtern. Man gibt sich die Hand, umarmt sich, wünscht sich einen schönen Tag. Ohne Angst vor Nähe geht’s heute in die Welt. Befreit. Keine Grenze, keine Kontrolle in meinem Nachbarsland Österreich. Wie in alten Zeiten, als es selbstverständlich war, die Grenzen zu vergessen.
Mein Lieblingsplatz empfängt mich, als wenn nichts gewesen wäre . Der vergangene Stillstand ist nicht zu spüren. Der Blick aufs Wasser, im Hintergrund die Berge – wie ich das vermisst habe! Ein Ausflugsdampfer fährt vorbei, das Deck voll besetzt fröhlichen, entspannten Menschen. Kinder spielen mit Steinen und Stöckchen am Wasser, halten sich an den Händen. Ich höre meinen Namen rufen. Eine liebe frühere Arbeitskollegin sitzt mit ihrer kleinen Tochter auf einer Bank und winkt mir zu. Ich werde umarmt und gedrückt – die Freude ist groß. Die Kleine lässt mich von ihrem Keks abbeißen, so ganz ohne Scheu. Wir plaudern und spielen, machen “ Engelchen flieg“. Ein jauchzendes Kind. Reine Lebensfreude!
Für mich geht es weiter. Ich genieße das befreite Gefühl ohne die dunkle Schatten der Angst. Der Hausberg beschenkt mich mit seinem wunderbaren Panoramablick über den ganzen See und weit in verschneite Berge hinein. Es war mir so lange verwehrt. Einfach immer noch unfassbar. Der Kellner, der mir den Apfelstrudel serviert, ist heute besonders freundlich. Ich kann sein offenes Gesicht sehen. Ein Ehepaar fragt, ob sie sich zu mir setzen können. Überhaupt nicht ängstlich oder mit Abstand. Es entwickelt sich ein gutes Gespräch über die Erlebnisse des letzten Jahres. Besinnliches, Trauriges, aber auch lustiges. Ein schöner Mittag ohne das Gefühl, sich ständig desinfizieren zu müssen. Am frühen Abend bin ich am Schiffsanleger. Auf dem Schiff ergattere ich einen Platz auf dem Oberdeck. Es ist sehr gut besucht. Aber das macht mir heute nichts.
Die Nähe tut gut nach kontaktarmen Zeiten. Ich lehne mich auf die Reeling, spüre den Fahrtwind und fühle mich endlich wieder frei. Die Sonne taucht den Himmel in ein goldenes Licht, im See brechen sich orangefarbene Wellen. Alles ist für heute gut.