Um Mitternacht ist es in den Nachrichten: Für uns alle ist heute coronafrei! Ich schreib den Menschen in meinem Leben eine Nachricht: „Es ist coronafrei. Komm, wir feiern ein Fest! Bring mit, wen Du magst und wir feiern wir den ganzen Tag.“ Ich schlaf nur noch ganz wenig, viel zu aufgeregt bin ich – nichts will ich von diesem Tag verpassen. Ich packe alle meine Gläser, all mein Geschirr und mein Besteck zusammen, damit ich es, wenn es hell wird, rausbringen kann zu dem Platz, an dem wir feiern. Heute ist coronafrei!
Meinen Lieblingsblumenbinder bitte ich „Bring´ alle Pfingstrosen und Levkojen, Rittersporn und Vergissmeinnicht, die Du kriegen kannst.“ Meiner Lieblingsreinigungsfreundin sag ich „Hey, schau, was Du an Tischdecken dahast. Wir machen Tafeln, an denen wir zusammensitzen und essen und trinken und lachen können.“ Es muss nicht perfekt werden. Aber es soll schön sein. Es ist doch coronafrei! Der Veranstaltungstechniker hat lange Tische, Stühle und Bänke. Er bringt all sein Zeugs, damit wir zusammen sein können und einen großen Holzdielenboden. Wir werden tanzen! Endlich wieder tanzen! Er hat Boxen und eine richtig gute Anlage. Großartige Musik werden wir haben beim Fest.
Ganz viele antworten schon: „Ja, ich komme!“ „Wir kommen.“ Selbst die Freundin kommt, zu der die Freundschaft in der Corona-Zeit zerbrochen ist. Natürlich habe ich sie eingeladen. Sie liebt es doch auch so sehr, zu tanzen und zu umarmen und glücklich zu sein. Natürlich gehört sie dazu.
Wir brauchen Getränke. Der Getränketempel bringt alles, alle Mitarbeiter feiern ebenfalls mit und jeder, der kommt, bringt, was er noch im Vorrat hat. Wein. Eine große Kiste Wasser. Oder das Fässchen Kölsch, das nach dem ausgefallenen Karneval in der Ecke steht. „Ich bringe den Rhabarbersaft vom letzten Sommer.“ Der Barista-Freund schreibt: „Ich komme mit meiner Kaffeemaschine und mache den köstlichsten Cappuccino und den italienischsten Espresso nördlich der Alpen. Gleich back ich uns Zitronenkuchen und Zimtschnecken.“ Auch er ist seit Mitternacht auf den Beinen. Der Grieche am Fürstenplatz wird auf seinem Grill Suflaki zubereiten; der Spanier riesige Pfannen Paella für alle kochen. Brot werden wir haben, weil der beste Bäcker den Ofen längst für unser Fest angeworfen hat. „Kommt alle, kommt einfach alle, bringt mit, was es für ein Fest braucht.“
Unter den Bäumen, am Rand unseres Festplatzes, schaffen wir geschützte Räume, in denen man zu zweit oder dritt zusammen sein kann, um einander halten und zuzuhören. Kissen sind dort und duftende Blumen. Man ist Teil des Festes und der Musik und aller Fröhlichkeit und kann gleichzeitig innig und still miteinander sein.
Da kommen die ersten. Wir bauen alles zusammen auf. Es ist ein warmer Frühlingstag. Wir weinen und lachen, umarmen uns. Wir freuen uns. Bauen weiter auf. Immer, immer wieder umarmen wir uns. Es fühlt sich noch fremd an. Vor allem aber so sehr schön und ganz schnell doch wieder vertraut. Immer mehr kommen. Ein paar müssen noch arbeiten. Die Tiere versorgen und das tun, was notwendig ist. Einige kommen auf einen ersten Kaffee, grad aus ihrer Nachtschicht auf der Intensivstation. Sie legen sich zwei, drei Stunden hin und werden dann mit uns feiern. Wir erzählen und lachen und umarmen uns einfach immer wieder. Wir singen. Einen Kinderspielplatz gibt es. Dort sind auch die Omas und Opas, Freunde und Tanten. Dort drüben, so ein bisschen versteckt, sind die Jungs und Mädel, die sich so lange nicht treffen konnten. Ihre Bluetooth-Boxen haben sie dabei, beschallen aus ihrer Ecke den Platz und ein bisschen wirkt es, als würden sie alle aufeinanderhängen.
Später am Mittag sitzen wir am langen Tisch und essen und trinken. Wir rücken eng zusammen. Nicht jeder hat ein Glas. Das macht nichts. Wir trinken zusammen aus einem. Es ist doch coronafrei. Es ist doch egal. Weitere Menschen kommen. Ein bisschen müde. Sie haben ihre Arbeit bei den Menschen beendet, die sie pflegen. Sie setzen sich zu uns. Machen Pause. Hände streicheln ihren Rücken. Essen und Trinken steht einfach so vor ihnen. „Wie schön, dass auch Du jetzt da sein kannst.“
Der Tag, das Fest schreitet voran, Sonne wärmt den Platz. Musik schwingt. Lachen, Gespräche. Menschen stehen eng zusammen. Umfangen einander. Lehnen sich fest zusammen. Singen hört man. Wir tanzen. Manch einer wirbelt manch eine durch die Luft. Es ist coronafrei!
Dann, als alle da sind und noch keiner wieder los muss zur Nachtschicht, wird es für einen Moment still. Wir reichen einander die Hand und denken an die, die Corona nicht überlebt haben, die mit den Folgen ihrer Erkrankung noch immer kämpfen; an die, die an ihrer Seele leiden, weil Corona ihnen auch ohne Virus weh tut. Wir singen zusammen: „We choose Love“. Es klingt über den Platz voller Wehmut, Dankbarkeit und Liebe, voller Mut und Zuversicht.
Jemand ruft über den Platz: „Hey, das Abendessen ist fertig.“ Die Cocktailbar macht ebenfalls auf, Kaffee gibt es wieder, die Lichter an der Tanzfläche blinken und Musik schallt weiterhin über den Platz, vermischt mit Gelächter und Gesprächen. Plötzlich, und das ist eben echt Düsseldorf, steht Campino auf der Tanzfläche, das Mikro in der Hand und singt: „An Tagen wie diesen…“. So laut und von allen mitgesungen und so sehr nicht kitschig habe ich den Refrain noch nie gehört wie heute:
„… wünscht man sich Unendlichkeit“.