Louisa, 42 Jahre, wohnhaft in Wien, kaufmännische Angestellte, zurzeit karenziert. Mutter von 2 Buben

Liebe Seelengefährtin

Liebe Seelengefährtin,

ich vermisse dich. Ich vermisse unseren gemeinsamen Austausch über das Leben, unsere Kinder, die Schule, Yoga und Ernährung.

Ich finde den Zugang zu dir nicht mehr. Das tut mir weh.

So viele Wege haben wir gemeinsam beschritten. Ich erinnere mich zurück an den Beginn unserer Freundschaft. Kennengelernt haben wir uns durch unsere Männer. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Es folgten viele gemeinsame Urlaube, gemeinsame Ausbildungen und dann die Schwangerschaften zum gleichen Zeitpunkt. Was war das für eine Freude als wir feststellten, dass wir beide einen Buben erwarten würden. Die Geburt unserer Kinder hat uns noch näher aneinander geführt. Dann folgten schwere Zeiten, wo wir uns gegenseitig Kraft, Stütze und Halt gaben. Jeder hatte seinen eigenen Schicksalsschlag zu verarbeiten, und doch waren sie so ähnlich, dass mich immer wieder das Gefühl beschlich, wir seien Seelenverwandte.

Dann begann die Veränderung.

Eine Distanz baute sich zwischen uns auf. Am Anfang kaum wahrnehmbar, wurde sie von Monat zu Monat größer. Unsere Wege gingen auseinander. Über unsere Kinder waren wir immer noch verbunden, aber die tiefgründigen Gespräche wurden seltener.

Der Ausbruch von Corona und die damit einhergehenden Einschränkungen haben die Distanz zwischen uns noch größer werden lassen. Wenn wir uns treffen, bin ich auf der Hut. Nur ja nicht das Gesprächsthema in Richtung Corona bringen. Die Diskussionen mit dir zu diesem Thema bringen mich an das Ende meiner Kräfte. Sie strengen mich an, laugen mich aus, demoralisieren mich und am Schlimmsten, sie vermitteln mir das Gefühl ich sei ein kleines Kind, das von seiner Mutter zurechtgewiesen wird. Dabei sind wir zwei Erwachsene, annähernd gleich alt und mit viel Lebenserfahrung.

Es ist ok unterschiedliche Meinungen zu haben.

Es gibt kein homogenes Kollektiv in der Krise.

Die Akzeptanz des Individuums mit seiner Heterogenität ist letztendlich das was unsere Demokratie ausmacht.

Ich versuche deine Ansichten zu Corona zu akzeptieren, möchte aber auch meine Meinung äußern können ohne in die Schublade „Freund-Feind“ gesteckt zu werden. Ich bin nicht für oder gegen dich, sondern ich bin für den Kampf gegen das Virus. Auch wenn das bedeutet, Einschränkungen im täglichen Leben in Kauf zu nehmen.

Corona polarisiert! Das spüre ich leider auch ganz deutlich bei unserer Freundschaft.

Liebe Seelengefährtin, ich wünsche mir sehr, dass wir es schaffen wieder zu unseren lebensbejahenden, positiven und wertschätzenden (Corona freien) Gesprächen zurück zu finden.

Ich vermisse dich.