Hedo, 50, Familienfrau, Heilpädagogin, Musiktherapeutin, aus Thüringen

Meine lieben Eltern

Völlig klar, an wen ich schreibe.
Völlig klar, was ich schreibe. Es will endlich aus meinem Kopf raus. Es will geschrieben werden.
Und auch ohne Barbara`s Schreibimpuls hätte ich es aufgeschrieben.
Ich will es selbst lesen, was in meinem Kopf ist. – In meinem Kopf ist, was ich vor 3 ½ Stunden gesagt habe.
Ich habe es meinen Eltern gesagt. Vorhin hatte ich sie besucht. Nach negativem Corona-Schnelltest auf Arbeit.
Obwohl – das klingt missverständlich. Eigentlich habe nicht i c h es gesagt. Dafür wäre ich viel zu vorsichtig, viel zu zukunfts-respektvoll-ängstlich.
Es kam einfach. Ich habe es mir nicht vorgenommen. Ich kann gar nicht nachvollziehen, wie ich so plötzlich so – für mich – Weltbewegendes gesagt habe.
Natürlich drehten sich schon viele „Familienplanungs-“Gedanken und Gespräche darum. Natürlich versuche ich, mich gefasst zu machen auf alle Eventualitäten.
Aber dass ich gesagt habe, was ich gesagt habe und wann ich es gesagt habe, flasht mich selbst.

Meine lieben Eltern!

Wie schön haben wir vorhin miteinander gelacht!

„ … aber erstmal wollen wir den Garten noch schönmachen und aufblühen sehen! …“, sagtest Du, Vati. Und dann haben wir miteinander gelacht. Richtig lange. Richtig erleichternd. Richtig befreiend. Das war irgendwie himmlisch. Für mich jedenfalls. Für Euch auch. Das habe ich gehört, gesehen, gespürt.

Dein „ … aber erstmal wollen wir den Garten noch schönmachen und aufblühen sehen! …“ nahm der Schwere, der Schicksalshaftigkeit unserer vorangegangenen Sätze die Schwere und Schicksalshaftigkeit. Dein Satz verzauberte unsere unbeholfenen Zukunfts-Konstrukte in souveränes Hier- und-Jetzt-Sein. Und dabei bist Du kein Philosoph, kein Intellektueller, kein Positiv-Denken-sich-auf-die-Fahnen-Schreibender. Du bist einfach „nur“ ein klar denkender Lebens-Weiser mit einem unverkorksten Herzen.

Und Du – Mutti – Du kannst durch Dein Lachen so verkniffelte Situationen, wie wir sie vorhin miteinander erlebt haben, entkniffeln; ohne, dass Du das großartig planst oder inszenierst. Manchmal finde ich Dein Lachen in bestimmten Situationen auch unpassend und oberflächlich. Aber – wenn ich es mir so richtig überlege, erachte ich es inzwischen als große (Über-) „Lebens-Kunst“. Du nimmst der Schwere und Schicksalshaftigkeit so mancher Situation durch Dein ganz spezielles Lachen die Schwere und Schicksalshaftigkeit.

Ich habe Euch noch nie einen Brief geschrieben. Aber heute, Ich habe Euch nämlich auch noch nie so etwas Großes gesagt.

Der Herbert wird ins Pflegeheim umziehen. Es geht zu Hause einfach nicht mehr. Die Pflege der verschiedenen Wunden. Die Enge des zwar riesig großen, aber doch nicht zum Rollstuhlfahren geeigneten Vierseiten-Bauernhofes. Die Kinder wohnen mit ihren Familien weit weg. Seine Gitti würde auch mit ins Heim ziehen.

Ihr lebt Grundstück an Grundstück miteinander seit 86 Jahren. Ihr habt das Leben miteinander in guter Weise geteilt. Und jetzt hat das Leben Euch in so eine Situation gebracht. Herbert und Gitti wohnen bald nicht mehr mit im Dorf. Das nagt an Euch.

Ich bin unendlich froh und danke Euch, Eurem genialen Lebenswandel und vor allem Gott, dass Ihr bisher so friedlich und wohl-behütet miteinander durch`s Leben gehen konntet. Mit Schrammen, mit Wunden, mit offenen Wünschen, mit offenen Fragen; aber vor allem froh und dankbar.

Ich wünsche Euch natürlich, dass das noch ewig oder wenigstens lange so bleibt. Und ich habe das wirklich ernst gemeint vorhin. Wenn ich selbst gesund bleibe, werde ich alles daran setzen, dass Ihr nicht umziehen müsst. Ich habe das mit Ingolf und den Kindern besprochen. Ich kann auf Arbeit pausieren. Pflegezeit oder so heißt das wohl.

Ich habe keine Ahnung, was auf uns alle zukommt, aber sofern wir es mitprägen können, wollen wir Euch Euer Daheimsein daheim erhalten.

Ihr habt uns so viel für`s Leben mitgegeben. Ich spüre und hoffe ganz sehr, dass da Euer „Daheim-bleiben-können“ irgendwie zu schaffen sein müsste.

Das Leben spielt ja immer anders, als man es plant. Dennoch verlangt es manchmal auch ein Positionieren. Und die erfolgte heute; lange zuvor schon gekeimt, gereift, gerüttelt und geschüttelt; – heute aber ausgesprochen. (Vor der Geburt unserer Kinder hatten wir auch überlegt, ob wir Wassergeburt „anpeilen“, ob ich stillen möchte, ob wir die Kinder viel tragen wollen; ob das Leben dann auch so wird, ist ja jeweils eine andere Frage …)

Wir wurden alle schon so oft reich vom Leben beschenkt – – – warum sollte es uns in dieser Situation nicht wieder reich beschenken?

Ich habe bisschen Angst vor allem, was kommt. Aber das habe ich immer. Und im Nachhinein konnte ich bisher nur staunen, dass „ … der Wolken Luft und Winden gibt Wege Raum und Bahn, der wird auch Wege finden, da mein Fuß gehen kann.“

Gespannte, hoffnungsvolle Grüße –

D.