Laura, 68, verheiratet, wohnt am Land, im aktiven Ruhestand

Nähe – Ferne

Mit den coronabedingten Einschränkungen haben viele Begriffe eine neue Bedeutung bekommen, so auch Nähe und Ferne: die Nähe wurde zum eigenen Haus, der eigenen Wohnung, der unmittelbaren Umgebung, Nähe sind die Menschen, mit denen ich zusammenwohne. – Und alles andere ist plötzlich in die Ferne gerückt, die Ferne beginnt jetzt schon an der Bezirksgrenze, die ich nur noch selten überschreite.

Nähe bedeutet auch, ich bin mir selbst nähergekommen, viele Ablenkungen sind weggefallen, ich muss lernen, mit mir selbst besser auszukommen. Ich habe Umgebung unseres Hauses neu erkundet, habe viele Fotos von den ersten zarten Blüten im Frühling bis zu den bunten Farben des herbstes gemacht, habe die wenigen Tage der verschneiten Landschaft um mich herum genossen.

Die Nähe engt auch ein, sie lähmt mich manchmal, vor allem bedeutet sie, dass unsere beiden Burschen seit vier Monaten zu Hause bleiben müssen, da ihre Betriebe geschlossen sind und es auch weiterhin bleiben. Ich fühle mich für sie verantwortlich, muss versuchen, sie bei Laune zu halten, sie versorgen, zu beschäftigen versuchen – diese Nähe ist belastend für mich und für sie.

Und die Ferne spielt sich vor allem im Kopf ab, die Gedanken bleiben frei, sie können nicht eingeschränkt werden. Ich habe die Zeit zu Hause unter anderem dazu genutzt, alle meine Bücher in einer Excel-Tabelle zu erfassen und danach Listen nach unterschiedlichen Suchkriterien zusammenzustellen. Mit dem Lesen von Büchern begebe ich mich in die Ferne, lebe mit den Romanfiguren andere Leben, betrachte Bilder von Sehnsuchtsorten; so wird auch die Ferne nah und erfassbar.

Und ich habe gelernt, Nähe im virtuellen Raum zu finden. Wenn ich jetzt hier allein am Schreibtisch sitze, weiß ich, dass gleichzeitig mit mir über hundert andere Menschen auch schreibend an ihren Tischen sitzen, viele davon weit weg, doch der Bildschirm bringt sie in meine Nähe.

Somit haben Nähe und Ferne andere Dimensionen bekommen+; es geht nicht mehr nur um physische, unmittelbare Nähe, um alles, was ich sehen, greifen, fühlen kann. Die Ferne, die ich in Gedanken durchstreife, wird zur Nähe – und meine beiden Burschen, die fast immer in meiner Nähe sind, werden fremd, verschwinden in ihrem Zimmer und rücken damit in die Ferne – aus den Augen, aus dem Sinn.

Echte menschliche Nähe bleibt trotz aller technischer Hilfsmittel auf der Strecke, sie lässt sich nicht ersetzen – da wird es großen Nachholbedarf geben und so manche Begegnung wird sich nicht mehr nachholen lassen.