Willfriede, 34, Mutter von zwei Kindern, auf dem Land lebend

Rhythmus der Zeit

Und noch einmal, ein zweites Mal, sitze ich nun hier am Papier. Dieses Mal sitzt und schreibt mein Mann mir gegenüber sitzend. Es ist Abend und unsere Kinder schlafen Xavier Rudd singt im Hintergrund; das Schreiben und die Musik klingt nach und meine Hand ist getragen von dem Gedanken, dass ein Satz auf den nächsten folgt – folgen darf.

Wie auch wir und alles im Rhythmus der Musik und des Lebens schwingt: Tag für Tag. Moment. für Moment, tagein – tagaus. Wie wir das jetzt auch schon so lange machen.

Vieles durfte ans Licht kommen in dieser langen Zeit. Vieles Alltägliche rund um uns herum und in uns drinnen.

Da war oder ist die Zeit dafür – auch oder obwohl – es uns aus unseren vier Wänden, aus unserer Komfort Box geschleudert hat.
Hat sich doch langsam, plötzlich, schleichend, gleichzeitig viel Bewegendes und Beengendes untergemischt, gepaart mit Angst, Trauer, Sorge, Gleichgültigkeit oder der Frage, wann wir die sogenannte neue Normalität wieder zurück erlangen.

Masken und Abstand, Hände waschen und sich mit möglichst allen anderen Extremitäten zu begrüßen testen, impfen, Lockdown der Dritte, Steigende Zahlen und Statistik. 7 Tage Inzidenz. Unterschiedliche Trends. Unterschiedliche Lager.
Da gibt es wenig Spielraum zwischen jenen, die alles mittragen um so bald wie möglich in diese neue, oder doch bitte alte, Normalität zurückzukehren und denen, die vielleicht in einigen Punkten kritisch sind.

Vermutlich sind deshalb nicht alle rechtsradikal, oder / und Verschwörungstheoretiker. Das ist es, was mir wie gesagt, Angst und Sorge bereitet. Diese Kluft, diese Spaltung. Diese Polarisierung.

Dass, wenn die herbeigesehnte, bevorzugt eben, alte Normalität allzu lange auf sich warten lässt, das Nervenkostüm der Gesellschaft dünn wird und Nachbarn sich anzeigen, Familien wegen Meinungsverschiedenheiten zu streiten beginnen, Freundschaften enden, Menschen, die einander brauchen, sich nicht haben können.

Und gerade deshalb braucht es jetzt wieder eine starke Stimme für das Miteinander, wie wir sie noch vom Auftakt kennen.

„And if you fall I´ll lay myself down – to soften the blow, soften the blow.” singt Xavier Rudd und “I´ll hold you once again. I´ll help you rise.”

Es braucht uns alle, die wir zuversichtlich und, ja, positiv gestimmt bleiben, nicht polarisieren, sondern bei uns anfangen und souverän den Rhythmus dieser Zeit mit unserer Melodie hinterlegen. Jetzt kommt „Follow the Sun“ und mit diesen Worten verneige ich mich schreibend vor mir und allen schreibenden Menschen und vor all den anderen ebenso.