Afra, 50, Krankenschwester, betreut Menschen mit Behinderung, aus dem Saarland

Vertrauen

Ein großes Thema meines persönlichen Lebens heißt : Vertrauen.
Ver –trauen: So klingt es, zerlegt in seine Silben. Vertrauen, dennoch nicht leichtfertig sein, loslassen können. Die Fesseln, die meine Ängste und Vorbehalte knüpfen, lockern, um Raum zu schaffen. Raum für Wagnis, ohne vorher absehen zu können, was kommt.
„Trau dich!“, soll ich wohl ermutigt und überredet werden. Ermutigt, mich zu öffnen. Das heißt, im besten Fall sollte ich dir/ euch über den WEG trauen können.
Sicherheit – existiert die? Oder lässt du/ ihr mich, wenn es stürmisch wird, allein im Regen stehen, ohne Schirm – schutzlos?

Corona stellt sie: die Vertrauensfrage. Allen Menschen.

Traue ich meinem Nachbarn zu, dass er Hygiene und Abstand einhält? Meinem Kollegen, dass er Kontakte meidet und mir mitteilt, dass er gefährdet sein könnte ? Vertrauen investieren in meinen Arbeitgeber, dass er mir ein sicheres Arbeiten ermöglicht, da soziale Arbeit erhöhte Risiken birgt. Einfach jedem Menschen mit Vertrauen begegnen, dass er die Kraft zum Durchhalten aufbringt, sich solidarisch gegenüber der Gemeinschaft verhält. . Dass er Wort hält. Eine Menge Vorschuss an“ trauen“, den ich, zurückhaltend im Loslassen/ Zulassen, aufbringen soll.

Risiko- ein eckiges, stacheliges Wort. Bedeutungsschwer. Her mit einem Sicherheitsnetz! Mein gewähltes Sicherheitsnetz müsste NÄHE heißen. Kein passendes Netz in Zeiten von Corona, wo Nähe zur Gefahr erwächst. Nähe dieser Tage zu finden und mir zugänglich zu machen, bedeutet, Ausschau nach neuen Wegen halten.

Variationen der Annäherung auf technischer Basis kennenzulernen, um Kraft und neuen Mut zu schöpfen. Nähe im virtuellen Raum zu spüren und zu erfahren. Beglückung zu erleben, mit Gleichgesinnten Zeit zu verbringen, ohne persönlich zusammenzutreffen am gleichen Ort.

Ohne Corona wäre ich wohl nicht in den Genuss gekommen, diese spezielle Qualität im Miteinander zu erleben.
Wer weiß – vielleicht wurde uns Corona geschickt, um die Stabilität unseres Miteinander zu prüfen. Wie gut funktionieren wir tatsächlich als Gemeinschaft?

Die Aufforderung ergeht an jeden Einzelnen, sich zu hinterfragen, wie sicherere, haltbarere Verbindungen geschaffen werden können. Als Impuls für mich persönlich, mir zuzutrauen, fremde Techniken auszuprobieren. Mich darin zu üben, mein eigenes Vertrauen mit anderem Blick zu betrachten und meinem Wunsch nach Nähe neu zu entsprechen. Der Qualität, mich als Teil des Ganzen zu erkennen, ohne die Frage, ob ich“ das Zeug dazu habe“. Die altvertraute Fragestellung, die wie ein Bumerang verlässlich wiederkehrt, der ich mir auch heute noch regelmäßig stelle.

Ich glaube, Corona weckt uns aus unserem Dornröschenschlaf, indem wir uns als Einzelwesen sehen. Wir werden gezwungen, unsere Verbindungen zum großen Ganzen sorgsamer zu pflegen, bedacht zu sein .Nicht nur auf die eigene Unversehrtheit, sondern auch die unserer Kollegen, Familie, Nachbarn, Alten und Kranken. Zu lernen, aufeinander zu achten und uns respektieren in unserer Gesamtheit. Unseren Blick über den Tellerrand zu heben und weiter zu sehen, als bis zur eigenen Haustür. Verantwortungsgefühl und Empathie zu entwickeln.

Es gilt außerdem, sich auf das Wagnis ein zu lassen, dieses Niemandsland anzuerkennen und nahezu blind zu betreten, das sich vor uns auftut.
Niemand weiß, wie es weitergeht oder wieder besser werden kann. Es existieren keine schnellen Lösungen oder Masterpläne.

Blanko- Vertrauen gilt es zu mobilisieren. Corona zwingt mich/uns förmlich, neue Wege des Vertrauens ineinander, an die Zeit und das Leben zu beschreiten.

Trau dich ! Etwas Kostbares kann daraus entstehen.