Liebe Annette,
zwischen richtig und falsch ist ein Ort. Dort möchte ich dich treffen. Dieser Satz von Rumi kommt mir immer wieder in den Sinn, wenn ich an dich denke. Ich weiß nur nicht, wie ich dich an diesem Ort treffen kann, fürchte, wir laufen aneinander vorbei, finden nicht zueinander, obwohl wir doch so eine lange Freundschaft haben, über 40 Jahre.
Nie hätte ich mir vorstellen können, dass sich irgendetwas zwischen uns stellen könnte. Aber genau das ist passiert. Ein winzig kleines Virus hat es geschafft, sich zwischen uns zu drängen, Zweifel und Fassungslosigkeit zu säen und die Angst, dich als Freundin zu verlieren und diese Freundschaft loslassen zu müssen.
Monatelang hat es mich gequält, mir unruhige Nächte und unangenehme Träume beschert.
Ich kann es immer noch nicht fassen. Im Dezember, als wir uns seit langem auf Zoom gesehen haben, hast du noch an der Bhakdi-Version von Corona festgehalten, die Toten in den normalen Rahmen von Grippetoten eingeordnet.
Haben die rasanten Zahlen deine Einstellung verändert? Über 70.000 Tote.
Ich weiß es nicht. Ich finde den Weg zu dir nicht. Ich bemühe mich, deine Position zu akzeptieren, aber es will mir nicht so recht gelingen. Zu viel ist hochgeschwemmt worden an Ungeklärtem oder von mir einfach Runtergeschlucktem, meine eigene Unfähigkeit, nachzuhaken oder in Konflikt zu gehen. Als du schwanger warst, war für dich klar, ohne Mutter zu sein, hat eine Frau nicht vollständig gelebt und damit kam der Anspruch an mich, auch so unbändig ein Kind haben zu wollen. Das war ein erster Bruch, verbunden mit einer längeren Sendepause.
Mich nicht zu deiner kirchlichen Hochzeit einzuladen – ohne Erklärung – auch wenn klar war, sie findet nur im kleinsten Kreis statt, das hat hat mich getroffen. Und dass ich nicht in der Lage dazu war, bzw. mich nicht getraut habe, das anzusprechen – erst 20 Jahre später, kurz bevor Corona uns erneut trennen sollte, werfe ich mir vor und bedaure ich.
Dann kam dein Text, den du an alle oder viele Freundinnen verschickt hast – an mich mit dem Seitenhieb „ohne literarische Ansprüche“ –, in dem du dich als diejenige siehst, die emotional wahrnimmt, dass hier mit Corona und dem Umgang damit etwas nicht stimmt, v.a. aber mit der von Virologen empfohlenen Vorsicht und den daran anschließenden Einschränkungen, die wir alle zum Schutz von Schwächeren und aus schlichter Solidarität auf uns nehmen mussten. Danach fiel es mir schwer, dich weiter richtig ernst zu nehmen. Du sprichst davon, es ginge bei allem nur um Liebe und tust Corona als virale Erkrankung ab, die mit einer Grippe vergleichbar ist, findest alles überzogen, was an Maßnahmen erfolgt ist.
Wo bleibt da die Liebe und Empathie für die anderen?
Einiges ist mir hochgekommen an früheren Momenten, wo es zwischen uns schräg war – wo ich mich unwohl fühlte. Gleichzeitig spürte ich viel Angst bei dir, je mehr du dich in einige Verschwörungselemente verbissen hast und dich als zu den wenigen bekanntest, die den Durchblick haben, aber denen der Mund verboten wird. Angst und eine gewisse Unfähigkeit und darum auch Ohnmacht, sich auf das völlig Ungewisse, das Corona auch für mich ist, einzulassen.
Irgendwann kam mir das Bild vom Baby im Kinderwagen in der leeren Wohnung in den Sinn … da begriff ich. Dein eigenes Trauma, über Monate lang immer wieder während des Tages abgestellt worden zu sein. Niemand hörte dein Schreien, niemand ging auf deine Bedürfnisse ein … Allein die Vorstellung macht mich traurig.
Da habe ich verstanden.
Doch wie soll ich dir das sagen, ohne nicht genauso in die „ich hab’s kapiert und ihr leider nicht“-Haltung zu verfallen?
Ich kann deinen Schmerz und die Verzweiflung spüren, doch ich weiß nicht, wie ich dich darin erreichen kann. Hörst du auf diesem Ohr?
Ich weiß nur, dass du dich damit – auch im Sinn eines Traumas – nicht wirklich auseinandergesetzt hast. Und es steht mir nicht zu, dich da mit der Nase drauf zu stoßen – das ist ein blinder Fleck, der mir nun einiges erklärt, was ich früher zwar zur Kenntnis genommen, aber gleichzeitig auch hingenommen habe, ohne nachzuhaken.
Wo ist dieser Ort, an dem wir uns begegnen können? Ist er frei von Ballast oder liegt dieser in der Mitte und will endlich angeschaut und wertgeschätzt werden im Sinn von Respekt, damit er dann an seinen Platz gestellt werden kann?
Ich suche und taste. Andere fragen mich: „willst du diese Freundschaft noch?“
Ich weiß es nicht! Ich will nicht in eine Haltung der Vorwürfe oder Zuschreibungen verfallen, ich will nicht sagen, du bist … Und gleichzeitig spüre ich, dass vieles endlich angesprochen werden muss, wenn es eine reale Chance geben soll, dass es weitergehen kann und wir wieder eine gemeinsame Wegstrecke haben.
Ich weiß nicht, wie ich es angehen soll, und ich will nicht wieder alles auf mich nehmen und es dann „gut“ sein lassen. Meine Anteile daran versuche ich herauszuklauben, doch an deiner Positionierung habe ich keinen Anteil – sie macht mich nur traurig und z.T. auch wütend.
Trennen sich unsere Wege durch Corona?
Soviel Macht soll dieses Virus besitzen?
Eines ist sicher, es hat – zumindest für mich – bewirkt, und zwar mit Macht, dass sich mir in dieser Zeit des auf-sich-zurückgeworfen-Seins einige Türen in meinem Inneren geöffnet haben, damit ich den längst fälligen inneren Hausputz erledigen kann. Das hat etwas Klärendes und auch Erleichterndes, weil das Wesentliche bei dieser Aufräumaktion deutlicher zum Vorschein kommt.
Ich werde ruhiger dadurch und fühle, dass ich wachse. Und ich fühle mehr Verbundenheit in einem sehr weiten Sinn, auch wenn das auf Kosten der Verbundenheit mit dir erfolgt.
Aber ich weiß immer noch nicht, wie ich diesen Ort jenseits von richtig und falsch finden kann.
Vielleicht hast du ja eine Idee.
Deine Moana