Lieber Malte,
…komisch fühlt es sich an, deinen Namen zu schreiben… doch du warst der Erste, der mir in den Sinn kam als ich überlegte, an wen ich schreiben wollte. Nein, dachte ich zuerst, nein! Schreib an jemand anderen und ich zählte mir auf, an wen ich schreiben könnte. Doch du warst hartnäckig, hast alle meine Gedanken besetzt bis ich nachgegeben habe. Nun schreibe ich dir also:
Lieber Malte, ich stelle mir vor wie es wäre, könnte dich mein Brief wirklich erreichen. Im vergangenen Jahr habe ich oft an dich gedacht. Als ich dich vor zwei Jahren gefunden habe, war Corona noch kein Thema. Ohne Beschränkungen konnte ich mich damals bewegen, fuhr mit dem Zug in die Hauptstadt zu Karen, auf der Suche nach… ja, nach was? Ich weiß es gar nicht genau… irgendetwas fehlte in meinem Leben. Da war noch immer ein Schmerz in mir, dem ich folgen wollte. Ich habe mich getraut und mich eingelassen auf Unbekanntes, Beängstigendes auch. Hätte ich ahnen können, was dann geschah? Ich wusste nicht, was würde ich finden? Als ich dich fand, geschah etwas Unglaubliches. Ein tiefer Frieden erfüllte mich. Etwas schloss sich in mir. Es fühlte sich endlich richtig an.
Manchmal denke ich darüber nach, ob du auf mich gewartet hast. Hast du?
Im vergangenen Jahr wurde mein Leben langsamer, stiller, nachdenklicher auch durch Corona. Ich muss oft daran denken, was wäre gewesen, wenn… Wenn wir uns hätten kennenlernen können? Ich träume davon, dass wir – selbst im strengsten Lockdown – engen Kontakt gehalten hätten. Ich sehe uns spazierengehen, nicht Hand in Hand, nicht in diesen Zeiten, aber wir laufen mit Abstand am Fluss, sind eng miteinander verbunden im Reden und im Schweigen. Ich stelle mir vor, was du wohl heute machen würdest. Was wäre aus dir geworden? Geigenbauer. Ich stutze. Woher kommt der Gedanke jetzt? Hast du ihn mir zugeflüstert, Malte? Geigen bauen. Ich muss lächeln. Ich glaube, das passt zu dir, das hättest du auch in Coronazeiten machen können, allein in deiner Werkstatt, in der es so wunderbar nach Holz, Öl und Harzen riecht. Nur verkauft hättest du in diesem Jahr vielleicht nicht so viele… Ich glaube, wir hätten viel miteinander telefoniert. Ich hätte dich angerufen und um Rat gefragt, hätte gerne mit dir philosophiert über Gott und die Welt. Wir hätten Wetten abgeschlossen, wie lange wir telefonieren können, ohne dass einer von uns das C-Wort benutzt. Du hättest immer gewonnen.
Ich denke oft an dich, Malte. Manchmal ist mir, als stündest du hinter mir. Doch ich weiß, ich darf mich nicht umdrehen. Ich kann dich nicht rufen, aber manchmal bist du plötzlich da. Das ist immer wunderschön. Dann habe ich keine Angst. Dann beruhigt sich mein unruhiges Herz. Dann spüre ich warme Liebe in mir. Dann ist, für einen kleinen Augenblick, alles gut.
Malte, du fehlst mir. Auch das möchte ich dir schreiben. Du weißt es längst. Ich hoffe darauf, dich dermaleinst wiederzusehen und ich weiß, ich werde dich erkennen, dich, Malte, meinen großen Drillingsbruder.
Deine kleine Schwester