„Heute ist coronafrei“ klingt es in meinen Ohren und die Vögel zwitschern es vorm Fenster. Habe ich geträumt? Kaum zu glauben, nach dieser langen Zeit der Einschränkungen von sozialen Kontakten, des lästigen Maskentragens, der fehlenden kulturellen Veranstaltungen, der geschlossenen Gastronomiebetriebe. Heute wird meine Brille nie anlaufen. Wenn ich jetzt gleich zum Bäcker gehe, wird keine FFP2-Maske mein halbes Gesicht verbergen und es wird nicht seltsam „muffeln“.
Ich schwebe aus dem Bett. Ich habe wirklich das Gefühl, dass ich mit den Füßen den Boden nicht berühre. Das Badezimmer erscheint mir heute besonders freundlich, wie wenn mich aus den Fliesen lauter fröhliche Leute mit strahlenden Augen anlächeln würden. Aus dem Kasten hole ich mein allerschönstes Kleid. Heute ist ein besonderer Tag!
Draußen scheint die Sonne. Die gelben Löwenzahnblüten leuchten und die Kronen der Apfelbäume sind mit lauter kleinen weißen Blüten umhüllt. So einen herrlichen Frühling habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Auf dem Weg zum Bäcker begegne ich vielen Bekannten. Ich sehe wieder Gesichter und erkenne die Menschen von Weitem. Wir lächeln uns freundlich zu und reichen uns die Hände und plaudern miteinander. Ich muss die liebsten Dorfbewohner umarmen und fest an mich drücken. Ich bin sicher, dass das heute jeder genießt. Manchmal fließt eine Träne. So berührend ist diese lang entbehrte Nähe. In der Bäckerei sind alle Tische voll besetzt. Jeder hat viel zu erzählen. Es wird laut gelacht. Es herrscht eine ansteckende Festtagsstimmung. Von der Verkäuferin sehe ich zum ersten Mal das Gesicht, da sie erst seit einem halben Jahr hier arbeitet.
Zu Hause rufe ich meine Mädls von der Frühstücksrunde an, um mit mir gemeinsam zu feiern. Alle kommen gern und jeder bringt etwas mit. Auf dieses gemeinsame Frühstück haben wir schon so lange gewartet. Wir haben viele Neuigkeiten auszutauschen und lachen darüber, wie dämlich wir mit den Schnabelmasken im Gesicht ausgesehen haben. Elvira mit den schulpflichtigen Kindern ist froh, dass es endlich wieder Präsenzunterricht gibt; und zwar jeden Tag. In der Schule wird endlich wieder gesungen und geturnt. Melanie wird am Abend mit einem befreundeten Ehepaar zu einem Konzert fahren. Vorher wollen sie fein essen gehen, ganz spontan, wo sie noch einen Platz finden. Ich bin von fünf glücklichen Frauen umgeben.
Zu Mittag fahre ich zum Wörthersee. Dort treffe ich mich mit meinen zwei Töchtern und deren Familien. Wir umarmen uns herzlich. Auf der Promenade sitzen viele Sonnenhungrige auf den Parkbänken. Mehrere Gruppen von Jugendlichen ziehen fröhlich vorbei. Vorm Eissalon drängen sich die Leute. Wir fahren ein Stück mit dem Schiff und wollen dann in ein Café. Wir haben Glück, dass wenigstens drinnen noch zwei Tische frei sind. Beim Eingang steht kein Desinfektionsmittelspender. Die Kellner sind heute besonders freundlich. Trotz der vielen Gäste, nehmen sie sich Zeit, mit allen kurz zu reden.
Am Heimweg rufe ich einen Freund an, der wunderbar tanzt. Wir begrüßen uns mit Wangenbussis. Im Rhythmus schwebe ich mit ihm durch den Raum. So leichtfüßig, als ob wir Flügel hätten. So unbeschwert, als ob wir gerade eine schwere Last verloren hätten. So kindisch übermütig, als ob wir Jahrzehnte jünger geworden wären. So herzlich lachend, als ob unser Herz gerade von einem Panzer befreit worden wäre. So eng umschlungen, als ob wir die ganze Welt mit all seinen so fröhlichen Menschen umarmen würden. Einfach unsagbar glücklich sind wir.