…denn mir geht’s doch gut.
Ich darf in einem Haus mit Südterrasse und Garten leben. Jetzt, im Winter, hab ich‘s warm und im Sommer gibt der alte Kirschbaum Schatten und die Tomaten bekommen dennoch, was sie an Wärme und Licht zum Gedeihen brauchen. Mein Zuhause ist ein wirkliches Zuhause. Ich lebe mehr Zeit in diesem Haus, als mein gesamtes Leben davor mit Kinder- und Schulzeit, Studium und ersten Arbeitsjahren zusammen ausmacht. Mit drei Kindern zogen wir hier ein, lebten bald mit fünf Kindern ein lebendiges, glückerfülltes Leben hier und nun sind wir zu zweit zurückgeblieben, mein Mann und ich.
Womöglich wäre ich sowieso traurig. Einfach, weil die beglückende Kinderlebendigkeitsgemeinsamlebensphase vorüber ist. Weil jetzt Zeitneusortierengenusserlaubenobwohlandereschuften tatsächlich eine Lebensaufgabe bedeutet.
„Mutsch, du hast es gut!“, sagt einer meiner Söhne und ich bin nicht sicher, ob ich mir dieses Gutgehen nehmen darf. Nehm ich wirklich niemandem etwas weg? Ist es ok so? Müsste ich anders sein? Müsste ich putzen anstatt in einem Buch zu versinken? Mir den Rücken im Garten reiben anstatt eine Radtour entlang der Weser zu machen?
Klar, das Reisen fehlt mir. Aber neulich habe ich plötzlich gedacht, dass es doch merkwürdig ist, dass ich durch die Welt reise und Freude und Bereicherung darin finde, Menschen an fremden Orten aufzusuchen und mit ihnen in Kontakt zu kommen, wohl wissend, dass viele dieser von mir als kostbar empfundenen Begegnungen nur einseitig möglich sind. Die meisten Menschen an fernen Orten werden sich nie auf den Weg zu mir machen können. Und das finde ich normal? Oder ok? Was lässt mich diesen Anspruch für normal halten?
Am liebsten bin ich auf dem Meer. Über mir der Himmel und unter mir und um mich herum das Meer. In Bewegung zu sein auf dem Meer… Ich habe es auf mehreren Reisen erlebt und es war für mich Vollkommenheit. Auf dem Meer war ich jede Minute glücklich. Habe in Kauf genommen, dass für dieses Glücksgefühl die Dieselmotoren des Schiffes liefen und die Triebwerke der Flugzeuge, die mich zum Schiff gebracht hatten, ihr Kerosin verbrauchten. Irgendwie ist die Hemmschwelle gewachsen. Ich höre die Erde lauter ächzen unter der Last, die wir ihr zumuten. Ich höre oder spüre(?) sie wirklich.
Bin ich traurig, weil mein Mitgefühl wächst?
Und ist das schlecht? Oder womöglich gut?
Ich vermisse den echten, den lebendigen, den in Umarmung spürbaren Kontakt zu meinen Kindern. Ich vermisse das Anschmiegen meiner Enkelkinder in meinem Bett, ihr Lächeln beim Aufwachen an meiner Seite. Ihre Arme an meinem Hals, auch ihre Fußtritte ins Gesicht bei wilden Träumen. Ich vermisse die Hände der Kleinen unter ihnen, die sich vertrauensvoll in meine legen. Ich vermisse das Lachen, das Hungrigsein, das Einfordern von Spiel- und Lesestunden.
Manchmal lesen wir per Facetime. Und das hilft. Ich bin dankbar für die Technik, die uns zur Verfügung steht, und die ein Sehen und Sprechen möglich macht. Das Ankuscheln, Umarmen, in die Augen Lachen ersetzt es nicht. Gott sei Dank! Womöglich würde das Sehnen aufhören und wir würden vergessen, wie das ist, wenn man die Arme ausbreitet und ein Kind hineinfliegt; wie das Herz lacht und hüpft, wenn der Zug in den Bahnhof einläuft und man mit den Augen nicht schnell genug alle Aussteigenden scannen kann, um nur ja keine Sekunde des Ankommens der liebsten Menschen zu verpassen. Wie Tränen des Glücks sich bemerkbar machen und im Hals brennen, weil man nicht alle auf einmal in die Arme schließen kann und sie sich drängeln und schubsen und man aufpassen muss, dass man nicht das Gleichgewicht verliert bei dem Ansturm.
Jetzt, während ich es schreibe, ahne ich das Glück. Spuren davon schleichen sich an. Es ist noch da. Vielleicht ist meine Traurigkeit eher die Angst, von diesem Glück abgeschnitten zu werden. Weil die Krankheit uns das Leben nimmt, weil Leid Einzug hält, weil die Trennung dauerhaft wird. Dabei spüre ich in diesem Moment, dass all die Zuneigung und lebendige Liebe, die gemeinsamen Erinnerungen, das gemeinsam gelebte Leben da sind; genau hier, genau in diesem Moment.
Anders, aber nicht weniger wert. Nicht weniger geliebt. Nicht weniger gelebt.