Wir sollen ein Gegensatzpaar auswählen und dazu Gedanken entwickeln. Warum hüpft mich das Wortpaar „lebendig – tot“ an? Ich bin doch ein grundzuversichtlicher Mensch. Es gibt auch keinen akuten Sterbefall oder Sterbeprozess in meinem Umfeld. Eigentlich möchte ich mich auch gar nicht mit so einer dramatischen Wucht auseinandersetzen. Ich hätte ja auch „traurig – fröhlich“ wählen können. Aber das Fröhliche liegt mir gerade etwas fern. Dafür das Traurige umso näher. Ich habe gestern erfahren, dass wir mit unserem Mehr-Generationen-Wohnprojekt, für das ich mich seit sieben Jahren im Vorstand engagiere, feststecken. Wir sind zum Spielball der politischen Parteien geworden und müssen uns jetzt erst einmal neu sammeln und sortieren.
Meine Mutter hätte gesagt: Beinbruch wäre schlimmer. Alle Mitglieder haben ein schönes Dach über dem Kopf. Keiner gerät in Not, weil es länger dauern wird. Traurig ist es trotzdem. Warum aber diese Dramatik von „lebendig oder tot“?
Ich fühle mich oft so lebendig, dass ich von meiner Energie noch abgeben kann. Lebendig fühle ich mich zum Beispiel auf unserer gesunden Runde, wenn ich die Luft, manchmal auch den kalten Wind, in meinem Gesicht spüre und die Morgensonne über den Feldern im Nebel sehe. Lebendig fühle ich mich vor allem auch im Kontakt mit meinen Freundinnen, wenn wir unsere Lebenserfahrungen vergleichen oder gemeinsam Pläne schmieden. Das ist wegen Corona jetzt ja nur eingeschränkt möglich. ZOOM und Telefon sind zwar ein guter, aber eben auch nur ein Ersatz. Corona raubt uns ein Stück von unserer Lebendigkeit. Auch Ausflüge, die wir vor Corona mit einem Café-Besuch verbunden hätten, machen mit voller Blase keinen Spaß mehr.
Aber trotzdem: warum hat mich diese Dramatik von „lebendig und tot“ angehüpft? Taucht da leise im Hintergrund eine Sehnsucht auf, tot zu sein? Nein, ich bin in keiner Weise suizidgefährdet. Ich glaube, es ist einfach der Wunsch, mich nicht mehr anstrengen zu müssen. Vielleicht kommt jetzt nochmal die Erschöpfung hoch, die durch jahrelange Überforderung im Beruf und in der Fürsorge für meine alte Mutter entstand und die anscheinend bis ins Mark gedrungen ist. Aber deswegen muss ich doch nicht tot sein wollen.
Hier auf dem Land, bei meinem Liebsten, kann ich das Nichtstun pflegen und mich erholen. Vielleicht ist es ja auch so, dass sich meine Säuglings-Einsamkeit noch einmal meldet, weil ich jetzt in der langen gemeinsamen Zeit mit F. ganz viel Nähe erlebe. Ich spüre nach: ja, das scheint zu stimmen, alter Wund-Schmerz macht sich bemerkbar. Er will gesehen werden. Ja, es ist außerordentlich traurig, wenn man die ersten anderthalb Jahre in einem Kinderheim in einer Atmosphäre von Gewalt leben muss. Das raubt Kraft für das ganze Leben. Damals ging es wirklich um Leben oder Tod. Aber schon als Säugling habe ich mich für das Leben entschieden.
Heute entscheide ich mich immer noch für das Leben und zwar für das „Leben bis zuletzt“ mit ehrenamtlichem Engagement für hospizliche Begleitung. Und aus dem Gegensatz von „lebendig oder tot“ ist ein „Leben und Tod“ und ein „traurig und fröhlich“ geworden.