Johanna, 74 Jahre alt, pensionierte Lehrerin für Deutsch und Französisch, 40 Jahre lang verheiratet, seit kurzem allein lebend in München, hat eine wunderbare Tochter, die aber weiter weg wohnt. War immer sehr neugierig, lebenslustig, gesellig. Liebt ihre Freunde, Theater, Bücher, Musik und Bildhauerei. Corona legt sich wie Mehltau über ihr und unser aller Leben.

Mein Mann ging und Corona kam.

Ein kalter, aber sonniger Januartag, ein strahlender Sonnentag, der zwölfte Januar 2020. Um 12 Uhr 10 stirbt in unserem lichtdurchfluteten Schlafzimmer mein Mann. Ich halte ihn in meinen Armen. Unsere Tochter hält seine Hand. Drei tiefe Atemzüge. Dann das Ende. Wir sind dem Tod begegnet. Er hält uns umfangen. Er beherrscht alles. Unsere Wohnung. Unsere Körper. Unsere Gedanken. Unsere Gefühle. Wir lassen uns Zeit mit der Vorbereitung der Trauerfeier. Lange Zeit. Vier Wochen, ohne zu ahnen, dass wir gerade noch rechtzeitig kommen. Mit unserer Musik, den Texten, den Zeichnungen. Womit wir ihn verabschieden. Ein schöner Abschied mit vielen Freunden, mit viel Zuneigung, mit viel Achtung und Wärme.

Corona ist schon da. Aber wir wissen es noch nicht so genau. Noch denke ich, und so wie ich meine Freunde, dass das wohl eher ein Medienhype ist. Später dann sagen alle und ich denke es. „Wie gut, dass dein Mann noch vor Corona gestorben ist. Das hat er gut gemacht.“Ich finde nicht, dass es gut ist, dass er gestorben ist. Aber wenn es schon sein musste, dann hat er es sich und uns gut gemacht. Er konnte im Kreis seiner drei Lieblingsfrauen sterben. Geliebt. Begleitet. Getröstet. Gehalten. Seine Schwester war auch da. Später erst wird mir klar, welch Glück das war. Später, wenn im ersten Lockdown nicht einmal mehr die Sterbenskranken Besuch bekommen dürfen oder dreimal eine halbe Stunde, am anderen Ende eines langen Tisches. So durfte eine Freundin ihren todkranken Mann sehen.

Ich weiß nicht, was das mit mir und meiner Tochter gemacht hätte.

Keine Berührung, kein Streicheln, kein Kuss, keine ins Ohr geflüsterte Liebeserklärung, sondern halb nackt nach Luft ringend, auf dem Bauch liegend, umgeben von fremden, vermummten, robotergleichen Figuren. Allein, allein, mutterseelenallein. Es geht ja nicht nur ums Sterben. Es geht auch darum, wie man stirbt.

Nach der Einäscherung sind wir geflohen. Meine Tochter und ich. Weg aus allem, was uns vertraut war. Die Wohnung. Sein Geruch. Weg von all den Dingen, mit denen er gelebt, die er berührt hatte. Ich wollte in die Wärme, meine Tochter keine Reise mit dem Flugzeug. Dann suchten wir eine Gegend mit Schnee und landeten durch Zufall, und weil ich keine lange Autofahrt wollte, in Ruhpolding. Wieder Glück. Denn dann kam Corona. Die Nachrichten auf dem Handy meiner Tochter überschlugen sich und der Schrecken wuchs. Von weiter weg wären wir nicht mehr nach Hause gekommen.

Wir begriffen erst langsam, dass hier etwas Schreckliches herannahte. Aber wir hatten noch keine Vorstellung, wie sehr es unser Leben verändern würde. Mein Mann war gegangen und Corona war gekommen. Das war ein schlechter Tausch. Dabei hatte ich doch schon zwei ungebetene Gäste: die Trauer und die Leere, die sich mir als ständige Begleiterinnen aufdrängten und so schnell nicht wieder gehen wollten.

Und jetzt noch Corona, ein so schöner, klangvoller Name und ein so hässliches Wesen! Corona, das klingt weiblich. Nach Königin. Nach Krone. Nach Schönheit und Freude. Nach Märchen. Oder ist es ein Mann? Es ist ja der Virus. Oder aber auch das Virus. Ist es ein in seiner Gestalt nicht fassbares Monstrum, das hinter seinem reizvollen Namen seine hässliche Fratze verbirgt?
Auf alle Fälle war es jetzt da. Unwiderruflich!