Ella, 45, verheiratet, Mutter von 4 Kindern, von denen 3 in die Schule gehen, wohnhaft in einem kleinen Dorf in Vorarlberg, ist in Begriff sich selbständig zu machen, wäre also genau jetzt, nach 13 Jahren Kinderzeit, endlich wieder in die Berufstätigkeit gekommen…

Allein – mit anderen

Wie viel Alleinsein darf ich mir nehmen? So viel ich will, am besten viel. Aber da höre ich schon das soziale Diktat schreien: Du brauchst soziale Kontakte. Wer viel allein ist, wird komisch. Das darfst du nicht, das macht dich krank. Die kollektive Übereinkunft: Allein sein ist schlecht.

Genau das aber lässt mich so gerne allein sein. Ich liebe das Sein ohne Diktat. Ich liebe die Diktatlosigkeit. Ja, vielleicht empfinde ich das so, weil ich bisher noch nicht lernen konnte, mich verlässlich zu schützen. Oder aber eben: Ich schütze mich, indem ich gerne allein bin.

Ein Gedicht drängt sich auf:

Im ALLEINSEIN
nur
spüre ich
das ALL EIN SEIN

Und dann möchte ich rufen: Ihr täuscht euch, all ihr da draußen, die ihr denkt, dass ihr nicht allein seid, nur weil ihr direkt nebeneinandersteht. Wir sind immer alle und eine zugleich, ganz egal wie nahe wir beisammenstehen, ganz egal, wie viele Worte wir wechseln. In der näheren Betrachtung löst sie sich auf die Dualität zwischen allein sein und mit anderen sein. Es gibt das eine ohne das andere nicht, das eine ist immer auch schon das andere.

Gerade wenn ich nun hier allein am Tisch sitze, spüre ich die anderen da draußen noch mehr. Ich kann mich mit allen verbinden, jederzeit. Mit den Flüchtlingen auf Lesbos genauso wie mit den Reichen in ihren Flugzeugen. Mit den Patienten auf der Intensivstation genauso wie mit den Babys, die gerade auf die Welt kommen. Mit den Politikern, die gerade schwere Entscheidungen treffen, genauso wie mit der Braut, die mit Liebe erfüllt „Ja“ sagt. Mit den Seelen im Leben genauso wie mit den Seelen im Himmel.

Mir scheint, die Entscheidung, ob ich allein bin oder mit anderen, trifft meine Konzentration. Und besonders, wenn ich mit jemandem zusammen bin, konzentriere ich mich auf diese Person. Ich bin dann nicht allein, ich bin nicht mit allen eins, sondern eben nur mit dieser einen Person, auf die ich mich gerade konzentriere. Ich bin dann mit ihr.

Im Alleinsein fühle ich mich demnach noch mehr mit anderen verbunden oder mit noch mehr anderen verbunden, als wenn ich mich tatsächlich mit jemandem treffe. Das Alleinsein ist also gar nicht fehlende Verbindung zu oder mit anderen, sondern eben genau das Gegenteil. Oh, wie lerne ich es lieben, das Alleinsein, die Verbundenheit mit allen in Stille.

Das Alleinsein hat so viel von „ich bin“, dass auch das Sein der anderen mir klarer und spürbarer wird. Und indem ich mich mit meinem Sein verbinde, bin ich mit dem Sein der anderen verbunden.

Das alles zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht. Das gibt so viel Leichtigkeit. Das gibt dem Alleinsein so viel Sinn. Und ich fühle mich nicht mehr komisch, wenn ich sage: Ich bin gerne allein. Ich mag den Lockdown und hoffe, dass ich das noch immer so leben kann, wenn der Trubel da draußen wieder losgeht. Ich bin neugierig darauf, was es mit den Gesichtern gemacht hat, das Alleinsein, wenn ich sie wieder treffe, wenn ich wieder mit anderen bin.