„Sobald es in Deutschland losgeht, flüchten wir nach Schweden.“ Das sagte meine Frau oft zu mir. Und zu ihren Kindern: „Wenn es in Deutschland ernst wird, treffen wir uns alle in Schweden.“ Was „Es“ bedeutet und woran wir erkennen würden, wann es ernst wird – wir wussten das nicht so genau. Aber wir fühlten: Hier braut sich was zusammen. Eine Suppe aus grenzenloser Gier, Eitelkeit, Machtstreben, unendlicher Dummheit und Ignoranz. Gefühlskalt und ungenießbar. Dazu noch ein paar Krümel Gewalt und der Topf kocht über.
Vor drei Jahren starb sie, kurz, bevor wir den Sommer in Schweden verbringen konnten. Ich bin sicher, hier in Deutschland würde es ihr nicht mehr gefallen. Nun ging ihre Seele voraus und ich sitze hier.
44 Monate. Noch immer zähle ich die Monate, die ich allein überlebt habe. 32 Monate Zeit, mich zu sammeln, Kraft und Schutz aufzubauen für das drohende „Es“. Seit 12 Monaten ertrage ich es.
Was ist „Es“?
Ich denke an Fischbrötchen. Mit meiner Frau sitze ich auf einer Bank an der Promenade eines deutschen Ostseebades. Der gleiche blaue Himmel wie in Schweden, dass wir heute morgen verlassen mussten. Irgendetwas ist hier anders. Lustlos kauen wir auf den toten Heringen herum. Selbst tote Fische sind in Deutschland toter als dort drüben hinter dem Horizont. Teurer sowieso. Menschen flanieren an unseren Fischbrötchen vorbei und ich sehe zweifelnd zu meiner Frau:
„Siehst du dasselbe wie ich?“ „Ja, unglaublich!“
Vor sechs Stunden liefen an unserer schwedischen Parkbank ausnahmslos freundliche, friedliche, zufriedene und glückliche Menschen vorbei. Junge, aber nicht gierige Leute. Alte, aber glückliche. Kranke, aber zufriedene. Kein Streit, nirgends.
Hier, am anderen Strand des Meeres, bietet sich ein entgegengesetzter Anblick. Vornweg eine dicke, stark geschminkte Frau mit stolzem Gang. Zwei Schritt hinter ihr der Ehemann. Grau, stumm und gebückt geht er ihr nach – an unsichtbarer Leine. Dann zwei, die über Preise streiten. Wenn es Deutsche sind, dann reden sie zuerst über Geld – lautete eine unserer Regeln. Eine junge und sichtbar unglückliche Familie mit streitenden Kindern. Und so weiter – ein endloser Zug. Ein Panoptikum.
„Ich will sofort zurück!“ Ach, wär´das schön!
Wir sahen, über die Fischbrötchen blickend, den lebendigen Beweis, was Krieg, Not und Traumata in den deutschen Seelen angerichtet haben. Sie schaffen es in der dritten Generation noch nicht, einfach glücklich zu leben. Was macht Schweden zu anderen Menschen? Sie blieben seit 200 Jahren vom Krieg im Land verschont. Darum Friedfertigkeit, Toleranz und Mitgefühl in allen Genen jeder Zelle. Gegen Gewalt, Missgunst und Verleumdung sind Schweden allerdings machtlos.
Nein, es würde meiner Frau nicht gefallen. Sie wäre daran zu Grunde gegangen. Mich selbst halte ich noch für immun. Mit den „Maßnahmen“ kenne ich mich gut aus. Alles schon mal dagewesen. Nichts Neues auf dem Spielplan, lediglich ein anderer Text mit Horrordekorationen und einer Laienspieltruppe. Nichts, wovor ich mich fürchten werde.
All das hatte ich schon mal: Nichts sagen dürfen. Wenn doch, dann nur die erlaubte Meinung. Bedroht zu werden, mit Geldstrafen, Quarantänehaft oder gar Psychiatrie. Wie früher: „Wenn sie diese Aussage nicht zurücknehmen, werden sie wegen Wahrnehmungsstörungen lebenslang in die Psychiatrie gesperrt!“ – drohte mir 1981 ein Offizier der Staatssicherheit. Wir hatten etwas gesehen, was keiner sehen sollte… „Wenn sie die Quarantäne verweigern, werden wir sie zwangsweise in der Psychiatrie unterbringen. Dort haben wir 32 Betten reserviert.“ – droht den Bürgern im Jahre 2020 eine Ministerin für Soziales, seinerzeit ausgebildet an der Verwaltungshochschule der SED in Potsdam. Keine Fragen stellen. Das Buch „Die Alternative“ hatten sie damals verboten. Die Politik ist richtig, weil sie wahr ist. Alternativlos.
Neuerdings schlafe ich sofort ein, sobald der Fernseher läuft. Mein bewährter Schutzmechanismus aus DDR-Zeiten funktioniert noch. Schlafen, sobald es unerträglich wird. Nur nachts quälen mich Gedankenstrudel und Albträume.
Letzte Woche träumte ich in klaren Bildern, ich säße wegen meiner kritischen Meinung im Gefängnis. Eines Morgens erwache ich, mein Zellengenosse war verschwunden und die Tür steht einen schmalen Spalt offen. Warum hatte er mich nicht geweckt? Ich muss hier raus! Vorsichtig schleiche ich mich in meiner grauen Kluft nach draußen. Zwei Beamte wollen sich mir in den Weg stellen, geben aber schnell auf. Die Zeiten haben sich wieder geändert.
Draußen liegt Schnee und ich trage keine Schuhe, was mir nichts ausmacht. Bald gelange ich in einen Wald und zu einem Touristencamp. Rote Holzhäuser? Hier sieht es aus wie in Schweden! Eine Tür steht offen. Schulkinder liegen in warmen Schlafsäcken und unterhalten sich, ob sie heute zum Mittagessen sechs oder besser acht Pakete Nudeln kochen sollten. Besser acht, sage ich. Ich bin gerettet. Dann wachte auf.
Egal, was noch kommt: Es geht mich nichts an. „Misch dich nicht ein. Du verschwendest nur Energie.“ – die Stimme meiner Frau. Ich plane meine Reise nach Nordschweden. Mein Rad, mein Boot, meine Schuhe und ich. Mittags koche ich mir Nudeln am See und am Abend esse ich ein Fischbrötchen mit Räucherlachs. Ich schaue in den blauen Himmel und denke an sie. Dankbarkeit erfüllt mich. Sie wies mir den Weg. Ich weiß, wo ich überlebe. Sobald ich kann und soweit mich die Füße tragen.