Freimut, 60, verwitwet, Angestellter, lebt in einer ostdeutschen Kleinstadt

„Soweit“

„Wenn es soweit ist, wirst Du an mich denken.“ Wann hatte er diesen Satz gesagt? Das muss 1984 gewesen sein, als er mir fünf Jahre vor dem Mauerfall, den Mauerfall ankündigte. Ohne Emotionen. So, als würde er den Wasserstand für morgen vorhersagen. Auf vier Wochen genau, im Spätherbst – prophezeite er. „Für die nächsten fünf Jahre wissen wir ziemlich genau, was passieren wird. Über zehn und fünfzehn Jahre wird das Bild unscharf, aber die Richtung ist klar. Natürlich liest du davon niemals  in der Presse.“ Missbilligend fiel sein Blick auf den bunten Stapel aus Ost und West zwischen uns.

Ich hatte ihn provoziert. Lange genug kannte ich ihn und wusste, womit ich ihn treffen konnte. Er wehrte sich und lüftete für einen Augenblick den Deckel der Giftküche geheimer Politik. Sprachloses Erschrecken: Was wird dann aus mir werden? Wird es Krieg geben? Oder Bürgerkrieg? Nichts geschah. Die Leute kauften vom frisch gedruckten Westgeld Bananen und flogen nach Mallorca.

Ich radelte an die Ostsee. Dort traf ich niemand. Nur das Meer, den Himmel und mich. Herrlich! Auf dem Weg fuhr ich bei ihm vorbei. Ohne langwierige Terminvereinbarung. Das gab es früher nie. Geheimagenten empfangen keine Privatbesuche. Jeder Kontakt eine Gefahr. Ich war seine heimliche Ausnahme. Er vertraute mir – so gut er das vermochte. Wie es funktioniert, das große Schauspiel, wollte ich wissen. In ein paar Wochen werden sie deutsche Einheit spielen.
Wo ist mein Platz?

„Ja, komm vorbei…“ Wie immer sitzen wir uns gegenüber, in den dicken, braunen Ledersesseln, und wir plaudern – diesmal heiter und entspannt. Er gibt ein paar Geschichten über korrupte und gierige Politiker zum Besten, solche, die gerade Karriere machen. Alle kennt er, viele persönlich. Wir lachen und scherzen. Dieses Spiel ist vorbei. Vorläufig. Bis zur nächsten Runde. Diesmal kein Krieg, wenigstens nicht in Berlin. Keine Toten, wenigstens nicht auf der Straße. Ein Pyrrhussieg – ich weiß: kein Friedensvertrag, keine neue Verfassung, keine Abrüstung – dafür die schnelle Übernahme. Kurz und schmerzlos. Wir brauchen euch nicht.

„Und du? Bleibst du hier?“ Auf dem Tisch liegt eine Landkarte mit eingezeichneter Fluchtroute. Das Ticket läge bereit, aber er würde davon keinen Gebrauch machen: „Mir werden sie nichts anhaben. Der Skandal wäre zu groß.“

Noch einmal befrage ich das Orakel: „Sag mal, was wird denn nun aus diesem Deutschland werden? Und aus Europa?“ Pause. Er holt tief Luft. Nie gibt er die Antwort, die ich erwarte. Ich lehne mich nach vorn und atme angespannt. Er zögert einen Moment. Sein Satz erschlägt mich:
„Nun, sie werden einen neuen Faschismus machen!“ Ich schlage die Hände vor´s Gesicht und weine. Sehe meinen Großvater im KZ und meinen Vater hinter Stacheldraht. Und ich? Frei reden, reisen und atmen. Bald wieder vorbei? Beruhigend hebt er eine Hand: „So offen und brutal wie unter dem Führer wird es diesmal nicht werden. Aber am Ende läuft es auf dasselbe hinaus.“ Stummes Entsetzen. Nichts, was ich dagegen setzen könnte.

Der Kriegsheld, hochdekoriert mit Orden, Händedruck vom Führer persönlich – er hatte teuer bezahlt und später die Seite gewechselt: Wandel durch Annäherung. Der andere könnte auch Recht haben. Konsens statt Kompromiss. Reden mit jedem. Vertrag. Verträge. Sich vertragen. Den kalten Krieg auftauen. Freiheit, Toleranz und Wissen. In Alternativen denken. Gewaltlosigkeit statt Glaubenskrieg.

Wir verabschieden uns. Bis bald. Von oben winkt er mir zu, als ich das Gartentor schließe.
„Halt die Ohren steif!“ – seine Soldatenparole. Ich ziehe los.

Das nächste Mal besuchte ich ihn auf dem Friedhof. Wenn es soweit ist, wirst du an mich denken.
Soweit? So weit? Jetzt.