„Gegensätze ziehen sich an“, ein leicht dahingesagtes Sprichwort, oft mit einem Lachen verbunden, das mir bedeutet: „Es ist halt so. Mach das Beste daraus.“ Wenn ich in meinen Lebensspiegel schaue, dann kann ich zustimmend nicken: Meine äußerst disziplinierte, korrekte Mutter traf meinen lebenslustigen, nicht Alles schwer nehmenden Vater. Ihre neu- und wissbegierige Tochter traf auf unbegründet antwortlose Beschränkungen.
„Es ist halt so …“, das konnte ich nie akzeptieren, aber auf erdenklich viele Weisen wurde ich eingefügt, gefügig gemacht, versuchte mich zu fügen, gefügig zu sein.
„Und? Hat es geklappt?“ fragt der Spiegel und ich antworte: „Nee … Nicht wirklich. Ich war immer das Teil aus einem anderen Puzzle, das nur so aussieht als passe es ins Bild. Das Teil, das mit Nachdruck in die Lücke gequetscht wird, sich stets ein wenig abhebt und das bestehende Gefüge verschiebt.“ Der Spiegel schweigt.
So klar habe ich es selbst noch nie gesehen. „Bingo! Wieder ein Gewinn!“ Ist etwas zu verlieren wirklich nur Verlust? Wie passt dazu, was ich während der Suche finde?
Ich habe Vertrauen verloren – in andere, erwachsene Menschen und in mich selbst, meine Stärken und Schwächen, meine Fähigkeiten und mein Unvermögen. Ich habe meine Balance und jeglichen Halt verloren.
Habe ich das Beste daraus gemacht? Ja. Die Frage ist nicht, ob ich „noch besser“ hätte sein können. So wie es war, wie die Jahre sich fügten, so war es gut, mein Leben. Das gilt nicht für jeden Augenblick, aber oft für die nachfolgende Zeit.
Und heute?
Schaue ich auf die Jetzt-Zeit, die jüngere Vergangenheit und ihre Schwester Gegenwart – was habe ich in nunmehr einem Jahr verloren? Spontan denke ich: meine ausdauernde Geduld! Sie wird schon arg strapaziert durch den Umstand, dass „wir“ verlernt haben, miteinander zu reden, einander zuzuhören. „Wir“, die Menschen weltweit. Zugleich wird mir bewusst, dass sich die Qualität meines Zuhören wollens verfeinert hat.
Ich folge nicht nur den Worten, ich lausche der Stimme, dem Klang, den leisen Zwischentönen. Ich werde überrascht von Einsichten hinter geäußerten Ansichten, die mich verstehen oder zumindest ahnen lassen, warum … Und ich fühle mich stark, geerdet, verwurzelt in mir. Ich bin in Balance, beweglich, nicht erstarrt, mit klaren, nicht unabänderlichen Standpunkten. Ich will meine Geduld nicht grundsätzlich verlieren, aber ab und zu – das wäre ein Gewinn.
Mein Spiegel schimmert silbern.
Oberflächlich betrachtet könnte ich die entstandenen Lücken füllen, mit etwas Neuem.
Etwas, das vielleicht nicht ganz hineinpasst, an den Rändern übersteht oder „Luft nach oben“ lässt.
Ist es das, was ich verloren glaube und erneut finden möchte? Nein. Sicher nicht. Dann gälte „Gleich und gleich gesellt sich gern“ und das Gleiche wieder zurück zu erhalten – es wäre nicht dasselbe.
Ich mache halt weiter das Beste daraus. Was auch immer ich verliere, darf ich „Verlust“ nennen und in dem, was ich finde, den Gewinn erkennen.