Schurli, 56 Jahre, Pfarrer einer katholischen Gemeinde in der Großstadt, Lese- und Schreib-Freund mit wachen Sinnen (manchmal auch von Sinnen), verwurzelt im Geschenkten und offen für Zufälle (des Himmels)

Wie weit reicht das JETZT?

Ich soll jetzt schreiben. Aber jetzt fällt mir gerade nichts ein.
Werde ich in 40 Minuten einen Text zustande gebracht haben? In der Vergangenheit hat es immer geklappt.
Aber ich muss ja nichts schreiben; ich kann das Jetzt einfach auskosten und genießen: ich höre das Rauschen des Wassers in den Heizkörpern, leise vernehme ich von der Straße Autolärm, eine Tür wird geschlossen, in der Wohnung über mir geht jemand, die Straßenbahn erkenne ich am Schienenrumpeln… Sonst ist es ruhig in meinem Zimmer, Licht brennt hell; mein Schreibblock liegt vor mir, die Tinte fließt auf das Papier, ich muss nicht allzu viel denken…

Zwischen den beiden Begriffen „Zukunft und Vergangenheit“, die sich mir irgendwie aufgedrängt haben, öffnet sich ein Raum – und eine Frage taucht auf:
Wie weit reicht das Jetzt?
Ist das vorige Jetzt kein Jetzt mehr?
Gibt es überhaupt ein Jetzt?
Mein Jetzt? Dein Jetzt? Unser Jetzt?
Wenn kein Jetzt wäre, was dann? Nur Vergangenheit, nur Zukunft? –
Ich lass das Philosophieren sein, verlasse das Jetzt und gehe in die Vergangenheit.

Heute habe ich nämlich schon ganz konkret über meine Kindheit nachgedacht: genauer über mein inneres Kind – und das wirkt bekanntlich bis ins Jetzt; ab heute wirkt es vielleicht ein wenig anders in die Zukunft, weil ich mein inneres Kind angeschaut und liebgewonnen habe:
Da war ich, der kleine Georg. Im Großen und Ganzen gesund. Ich war willkommen trotz herausfordernder Zeiten für meine Eltern, die es in ihren ersten Ehe-Jahren nicht leicht hatten: sie hatten einen ärmlichen Bauernhof zu führen und innerhalb eines Jahres drei kleine Kinder bekommen. Außerdem hatte mein Zwillingsbruder seit seiner Geburt gesundheitliche Probleme. Wirkt das alles auch auf meine Zukunft?

Wie weit reicht mein Jetzt in meine Kindheit?
Ich erinnere mich, dass ich als Kind Angst hatte, dass die Eltern sterben. Ich fürchtete mich vor fremden Jugendlichen auf der Straße. Körperliche Zärtlichkeit bei Mutti war aufgrund ihrer Müdigkeit oft nicht mehr möglich. „Du bist zentnerschwer!“, sagte sie einmal zu mir, als ich mit ihr kuscheln wollte, während sie für die Führerscheinprüfung lernen musste. Ich erinnere mich an ein Singen, wo meine Stimme kritisiert wurde. Oder an eine Zeichnung, wo der schwarze Rand nicht schön war. Der Kindergarten war für mich ein Ort, wo die anderen Kinder immer mächtiger waren.

Wirkt das alles auf mein Jetzt? Wie weit reicht mein Jetzt zurück?

Ich hatte eine behütete Kindheit.
Meine Jugendzeit war fast gänzlich von Schule und Fußball geprägt.
Doch – so sehe ich es im Rückblick – ich lebte immer unter einer gewissen Vorsicht:

  • keine Sorge bereiten
  • alles gut machen
  • den Eltern ihre Wünsche von den Augen ablesen, sie überraschen
  • Mädchen zu lieben war tabu, mit Scham besetzt
  • Schundhefte lesen hätte mich gereizt, durfte nicht sein
  • harmlose Liebesszenen im Fernsehen wurden abgedreht
  • Ausdauer und Fleiß wurden vor die Kreativität gesetzt
  • Ausgelassenheit war Übermut, der selten guttut
  • Du kannst nicht alles haben!
  • Das gehört sich nicht!

Das sind Erfahrungen und Glaubens-Sätze aus meiner Vergangenheit. Wieviel davon wirkt im Jetzt? Hier und Heute. Und was davon nehme ich mit in die Zukunft?

Gott sei Dank gibt es auch das Stärkende, das mir die Vergangenheit in meinen Lebensrucksack eingepackt hat:

  • Stille, Beobachten der Natur, Langeweile zum Nachdenken und Träumen,
  • Bewegungsfreiheit,
  • Ess-Kultur, Tischgemeinschaft der Familie,
  • zärtliches Aufweckritual am Morgen, Segenskreuzerl beim Zu-Bett-Gehen,
  • Sicherheitsgefühl durch die Eltern,
  • Anerkennung und Erfolg im Fußball,
  • Gesundheit, Eifer, ….

Was wirkt davon im Jetzt? Was will ich in die Zukunft mitnehmen? Manchmal denke ich an meine Pension – vielleicht in 10 Jahren, was ich da alles machen werde – in der Zukunft!?

Wie weit wirkt das Jetzt schon auf die Zukunft? Fängt diese nicht schon an?
Wo will ich Veränderung? Wann stelle ich die Weichen?
Wie kann ich beides verbinden: Vergangenheit und Zukunft?

Im Jetzt: beim Schreiben, im So-Sein, im Beobachten, im Vertrauen auf innere Führung, im Sehen der Grenzen: sie bewusst zu akzeptieren oder zu überschreiten
Ich bestimme mit, wie weit das Jetzt reichen darf!
Und vielleicht lässt es sich ganz erfüllen, also auf die Ewigkeit ausdehnen? In eine heilsame Fülle der Lebendigkeit!!

P.S.: Auch trotz Corona geht mein Denken sichtlich weit über das Corona-Jetzt hinaus, in meine Zeit davor und in meine Zeit danach!